Interview mit Saša Stanišić, Schubart-Literaturpreisträger 2017

Literatur pur! Der Schubart-Literaturpreis 2017 geht an Saša Stanišić

Die Preisträger für den diesjährigen Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen stehen fest: Den mit mit 15.000 € dotierten Hauptpreis erhält der in Hamburg lebende Schriftsteller Saša Stanišić für seinen Erzählband „Fallensteller“ (Luchterhand Literaturverlag). Der zweitälteste Literaturpreis des wird bereits seit 1955 alle 2 Jahre von der Stadt Aalen vergeben.

Saša Stanišić
Saša Stanišić (© Katja Sämann)

- Herr Stanišić, herzlichen Glückwunsch zum Schubart-Literaturpreis.
Sie sind bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, darunter dem renommierten Alfred-Döblin-Preis sowie dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014.
Kam der Schubart-Literaturpreis überraschend für Sie? Was war Ihr erster Gedanke?

Ich sah, dass mich eine unbekannte Nummer angerufen hatte und googelte sie, worauf sich die Stadtverwaltung Aalen als Anruferin herausstellte. Zwar wäre ich auch noch als Mittelstürmer für den VfR interessant, aber Fußball hat nicht unbedingt mit der Stadtverwaltung zu tun, daher recherchierte ich weiter und fand, dass wieder Zeit war, den Schubart-Preis zu verleihen. „Hurra, an mich!“, dachte ich dann gleich und freute mich sehr. Erst über meine detektivische Arbeit, dann aber vor allem über den nächsten Anruf, den ich – ein wenig überrascht spielend – entgegennahm und der meine Spürnase bestätigte.

- In Ihrem zweiten Roman „Vor dem Fest“ beschreiben Sie ein fiktives Dorf „Fürstenfelde“ in der Ueckermark - ein Ort „leider ohne Tankstelle aber mit Zigarettenautomat“. Aalen jedoch hat Tankstellen und Zigarettenautomaten und liegt mitten auf der Ostalb. Kannten Sie Aalen oder den Schriftsteller Christian Friedrich Daniel Schubart?

In Aalen war ich noch nie, dies und jenes wusste ich aber schon. Schubart war mir aus der Schule ein Begriff, nun habe ich aber auch die Chance genutzt, etwas mehr über ihn zu erfahren und muss schon sagen: Was für ein großartiger Kauz! Widerspenstig und unbeugsam und ein wacher, kluger Kopf! Und was für eine entsprechende Ehre, einen Preis, der diesen Mann im Namen und Geist trägt. Sofort natürlich auch mir selbst vorgenommen: mehr Widerspenstigkeit! Mehr Unbeugsamkeit! Mehr Kopf und Kauzigkeit!

- Wie notwendig finden Sie Literaturpreise?
Es ist eine gute Sache, für Arbeit Auszeichnungen und Anerkennung zu bekommen. Das gilt für Literatur und auch für jedes Handwerk oder Dienstleistungen. Vielen Autoren bedeuten Literaturpreise mehr als reine Hervorhebung der guten Qualität ihrer Texte, sondern sie stellen auch wichtige finanzielle Unterstützung dar und erhöhen – etwa im Fall von verfolgten Kollegen – die Aufmerksamkeit für Schwierigkeiten, in denen sich der Autor befindet. Oft ist es ja auch nicht er allein, sondern eine größere Gruppe – aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Demokratieverständnisses oder geäußerter Kritik an politischen und religiösen Umständen. Literaturpreise können also reiner Lob sein, aber auch Botschaften, Hilfsleistungen, Angebote zum Dialog, und bereichern daher in vielfacher Hinsicht das kulturelle Leben unserer Gesellschaften.

- Dr. Stefan Kister, Kulturredakteur der Stuttgarter Zeitung, beschreibt Ihren Erzählband „Fallensteller“ als „Falle und Fang: Es legt für den Leser Köder aus, um ihn zu verführen.“ Ein schönes Bild. Die Erzählungen sind eine bunte Sammlung aus Prosaminiaturen und Tagesresten aus dem Leben eines Schriftstellers. Wie entstand die Idee zur Titelgeschichte „Fallensteller“?
Ich würde die Erzählungen nicht unbedingt als Miniaturen und eigentlich auch nicht als „Tagesreste aus dem Lebens eines Schriftstellers“ nennen. Auch hatte ich nicht eigentlich vor, den Leser zu verführen. Hm. Ich beantworte vielleicht dann nur die Frage: Die Titelgeschichte nimmt die Handlung aus „Vor dem Fest“, meinem zweiten Roman, auf. Zwei Jahre sind vergangen, und nun kommt ein umtriebiger Fremder in das Dorf, der behauptet, Fallen herstellen zu können, für jeden Zweck, „nicht nur für das Tier, für das alles hier“. Er spricht in Reimen und kaum eine Falle funktioniert. Dennoch schließt ihn das Dorf ins Herz. Und dann aber wird er betrogen. An dieser Stelle drei Punkte für Spannung: ...

-    Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der die Erzählungen zusammenhält?
Ja – es geht fast immer um die Begegnung eines „Eigenen“ mit dem – vom „Eigenen“ aus gesehen – „Fremden“. Es sind Geschichten über gemachte Außenseiter oder Ausgegrenzte sowie über absichtlich Unangepasste. Dabei geht es oft auch um diesen ständigen Stress mit den Fragen der Identität, bis hin zu Denkspielen, was wäre, wenn wirklich nur das Können zählen würde und nicht der Zufall der Geburt. Die Figuren im „Fallensteller“ sind demnach auch immer  Kämpfende: Gegen die Fremdbestimmung, gegen Überforderung durch Konventionen, gegen sozialen Druck.

- Sie schreiben in deutscher Sprache, obwohl es nicht Ihre Muttersprache ist. 1978 sind Sie in Bosnien geborenen und kamen 1992 mit Ihren Eltern nach Deutschland. Sie studierten Deutsch als Fremdsprache und Slawistik an der Universität Heidelberg und waren Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (spannenderweise ist auch die Förderpreisträgerin Isabelle Lehn aktuell am Institut tätig und Jenny Erpenbeck, Schubart-Literaturpeisträgerin 2013, war Dozentin am Institut). Ist die deutsche Sprache „Heimat“ für Sie geworden?
Die deutsche Sprache ist Werkzeug für das, was ich tue: Geschichten erzählen. Ich fühle mich gleicher Maßen produktiv wohl und unwohl „in“ ihr, versuche ihr alles abzugewinnen, und dafür ist sie eine dankbare Kontrahentin: sehr flexibel, reich, weise.  

- Was bedeutet „lesen“ für Sie? Entspannung oder anregendes Ideen-Potential?
Für jemanden, der selbst schreibt, lese ich immens wenig. Als Kind habe ich so unglaublich viel gelesen, dass ich vielleicht mein Lebenslesepensum schon mit 14 erfüllt hatte, ich weiß es nicht. Heute fällt es mir schwer, Zeit zu finden, mich zu konzentrieren. Wenn ich dann aber doch etwas lese, dann ist es am ehesten, weil ich das Thema spannend finde – sprachlich oder auch rein inhaltlich. Es interessieren mich dabei vor allem Experimente mit den Genres, mosaikartige Erzählungsmuster und fantastische Geschichten, die aber durchaus einen „realistischen“ Drehmoment haben, etwa Bücher von Henning Ahrens oder von vielen südamerikanischen Autoren.

- Wo schreiben Sie am liebsten?
Ich kann überall!

Information


Die Stadt verleiht den Schubart-Literaturpreis bereits seit 1956 in zweijähri-gem Turnus. Im Mittelpunkt stehen herausragende literarische Leistungen in der Tradition des freiheitlichen und aufklärerischen Denkens von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 -1791). Der Literat, Journalist und Komponist erlebte seine Jugendjahre in der Reichsstadt Aalen. Sein Lebenswerk war die Herausgabe der Deutschen Chronik, einer zweimal wöchentlich erscheinen-den Zeitung voller literarischer, kultureller und tagespolitischer Berichte.
Der seit 2011 ausgelobte Literaturförderpreis geht an Isabelle Lehn für ihr Romandebüt „Binde zwei Vögel zusammen“, erschienen im Eichborn-Verlag. Sie lebt und arbeitet derzeit in Leipzig
 

Preisverleihung

Samstag, 22. April | 19 Uhr | Stadthalle Aalen
Im Rahmen eines Festaktes werden am Samstag die Preise
überreicht. Erstmalig in der Vergabe des Preises startet der Abend mit Tanz: Die mehrfach preisgekrönte Tanzgruppe KeraAmika wird zusammen mit den Cellikatessen das Tanzstück „Danzón“ von Arturo Márquez auf die Bühne bringen.

Sonntag, 23. April | 11 Uhr | Rathaus Aalen
Genussreich geht es weiter am Sonntag mit einer Lesung der beiden Preis-träger Saša Stanišić und Isabelle Lehn inmitten der künstlerisch angelegten „Literarischen Blumenwiese“ von Atif Gülücü. Kultur für alle Sinne heißt es dann bei Kaffee, Sekt und kulinarischen Kleinigkeiten.
 

© Stadt Aalen, 06.04.2017